Meditation aus der Sicht der Neurowissenschaft

von Miriam Fischer Mai 25, 2019 5 Minuten Lesezeit

Meditation aus der Sicht der Neurowissenschaft

Meditation aus der Sicht der Neurowissenschaft

Noch vor einigen Jahrzehnten kannte man die Meditation hauptsächlich als spirituelle Praxis buddhistischer Mönche und indischer Yogis. Heutzutage meditieren jedoch sogar Hollywood-Stars, Fußballer und Politiker. Kein Wunder, denn die positive Wirkung der Meditation auf das allgemeine Wohlbefinden ist mittlerweile weltweit bekannt. Der Effekt der Meditation auf das menschliche Gehirn wurde sogar mehrfach wissenschaftlich nachgewiesen. Schauen wir uns einmal die neurowissenschaftliche Perspektive auf die Meditation an.

Verschiedene Arten der Meditation

Es gibt natürlich eine große Vielzahl von verschiedenen Meditationspraktiken. Grob lassen sie sich jedoch in zwei Arten der Meditation unterscheiden:

Achtsamkeits- oder Bewusstseinsmeditation – Die Meditierenden konzentrieren sich darauf, die spontan auftretenden Gedanken und Gefühle aus einer distanzierten Perspektive zu beobachten und versuchen, diese nicht zu bewerten.

Konzentrationsbasierte Meditation – Die Meditierenden lenken ihre Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Objekt oder ein Element wie zum Beispiel eine brennende Kerze, ein Mantra, eine Farbe oder auch ein Gefühl.

In beiden Fällen wird Aufmerksamkeit geübt. Auf diese Weise befindet sich die meditierende Person im Hier und Jetzt und akzeptiert mit Gelassenheit, was im jeweiligen Moment in ihr und um sie geschieht.

Das Ziel der Meditationspraxis

Was ist eigentlich das Ziel der Meditation? Zunächst lassen sich zwei Hauptkomponenten festhalten, welche die Meditationspraxis ausmachen:

Erstens üben sich die Meditierenden in Selbstregulierung, da sie ihre Aufmerksamkeit auf das Objekt der Meditation lenken und aufrechterhalten müssen. Darüber hinaus müssen sie vermeiden, die Gefühle und Gedanken zu bewerten, die in ihnen während der Meditation aufkommen, indem sie sie einfach nur beobachten.

Zweitens geht es den Meditierenden um die Erfahrung und so müssen sie offen, tolerant und neugierig dem gegenüber sein, was geistig in ihnen vorgeht. Offenheit, Akzeptanz und Toleranz sollten auch für negative Gefühle bestehen sowie für die unmittelbaren Reaktionen, die diese hervorrufen können.

Letztlich ist es das Ziel der regelmäßigen Meditationspraxis, die Fähigkeit zu entwickeln, die eigenen inneren Vorgänge zu betrachten und sich von Vorurteilen zu befreien, sowohl sich selbst als auch den Mitmenschen gegenüber. Denn die Meditation soll zu mehr Aufmerksamkeit und Achtsamkeit der eigenen inneren sowie der äußeren Welt gegenüber führen und einen größeren Blickwinkel sowie ein größeres Verständnis schaffen. Werfen wir nun einen Blick auf einige wissenschaftliche Experimente, in welchen die Wirksamkeit der Meditation untersucht wurden.

Experimente mit dem Aufmerksamkeits-Blinzeltest

Im Jahr 1992 führte ein Forschungsteam geleitet von der Psychologin Jane E. Raymond an der Universität von Bangor in England ein wissenschaftliches Experiment durch. Ziel war es, zu untersuchen, ob Meditation die Fähigkeit der visuellen Aufmerksamkeit begünstigt. Also erstellte das Forschungsteam einen Test, um das sogenannte Aufmerksamkeitsblinzeln zu untersuchen. Dieses ist ein kurzes Aufmerksamkeitsdefizit, das in Experimenten festgestellt wird, wenn Probanden sich beispielsweise ein Element aus einer kurz und schnell angezeigten Abfolge von Zahlen und Buchstaben merken sollen. Der während des Tests durchgeführte Prozess lief im Wesentlichen folgendermaßen ab:

In der Mitte eines Computerbildschirms wurde eine sehr schnelle Folge von Buchstaben nacheinander angezeigt. Immer wieder erschienen innerhalb der Sequenz von Buchstaben zwei Zahlen, zwischen denen auch andere Buchstaben auftreten konnten. Die an der Studie teilnehmenden Probanden wurden zuvor aufgefordert, sich die möglicherweise angezeigten Zahlen zu merken. Zum Beispiel: u-p-q-t-2-f-v-7-x-h-y. Es stellte sich heraus, dass die Mehrzahl der Probanden nicht in der Lage war, die zweite Zahl aus der Liste zu sehen, wenn der zeitliche Abstand zwischen zwei Zahlen nicht mindestens eine halbe Sekunde oder mehr betrug.

Dasselbe Experiment wurde mit Probanden wiederholt, die über einen längeren Zeitraum von 3 bis 4 Monaten mehrere Stunden täglich Meditationsunterricht erhalten hatten. Die Mehrzahl dieser Probanden konnte die zweite Zahl meistens erkennen.

Die Neurologische Erklärung des Aufmerksamkeitsblinzelns

Wie konnte das sein? In diesem Experiment wurden elektroenzephale Wellen, die in unserem Gehirn während des sogenannten Aufmerksamkeitsblinzelns auftreten, mithilfe eines Elektroenzephalographen (EEG) gemessen. Dabei wurden Elektroden am Kopf befestigt, um Gehirnströme mit dem EEG-Gerät zu analysieren.

Wenn die erste Ziffer auf dem Bildschirm erschien, zeichnete das EEG die Kurven auf, die zeigten, dass das Gehirn reagierte. Bei den Probanden, die Meditation praktizierten, waren diese Kurven jedoch kleiner und stabilisierten sich schneller als bei den Probanden einer Kontrollgruppe, die nicht meditierten. Die Gruppe der Meditierenden konnte wieder viel schneller als die Kontrollgruppe das Ausgangsniveau der Aufmerksamkeit erreichen, welches sie noch vor dem Erscheinen der ersten Zahl hatte. Durch die bessere Aufmerksamkeit war diese Gruppe in der Lage, die zweite Zahl wahrzunehmen.

Das Gehirn im Ruhezustand

Im Ruhezustand laufen die Gehirnprozesse recht unbemerkt im Hintergrund ab. Das geschieht, wenn wir uns nicht auf irgendeine bestimmte Aufgabe konzentrieren. Während dieser Prozesse ist ein komplexes Netzwerk von Bereichen im Gehirn aktiv, insbesondere im präfrontalen Kortex sowie Gyrus cinguli, einem Teil des limbischen Systems. Für diese Hintergrundprozesse benötigt das Gehirn sehr viel Energie.

Und warum macht unser Gehirn das? Unser Gehirn führt unaufhörlich mentale Übungen durch, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Es überprüft Ereignisse, stellt sich mögliche zukünftige Szenarien vor und wägt Potenziale und Risiken ab. Doch

genau diese Art von Gedanken versuchen die Meditierenden zu verringern, um mehr in der zeitlichen und räumlichen Gegenwart zu leben.

Experimentell wurde nachgewiesen, dass die regelmäßige Ausübung von Meditation die Verringerung der Gehirnaktivität im Ruhezustand ermöglicht, insbesondere im präfrontalen Kortex sowie im Gyrus cinguli.

Meditation und Einfühlungsvermögen

Aus zahlreichen Studien ist bekannt, dass ein gewisser Teil der Großhirnrinde, die sogenannte Inselrinde, auch Insula genannt, eine fundamentale Rolle bei der Erkennung der eigenen Gefühle spielt. Wie mittlerweile bekannt ist, verbessert sich die Leistung der Inselrinde und somit die Bewusstwerdung der eigenen Gefühle durch die Praxis der Langzeitmeditation. Ebenso ist die Fähigkeit, die eigenen Gefühle zu erkennen, der Schlüssel zur Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Einfühlungsvermögen entsteht, wenn wir die Gefühle anderer Menschen wie unsere eigenen wahrnehmen können.

Dies belegen Studien von Antoine Lutz und seinen Kollegen an der University of Wisconsin-Madison, USA. In ihrem Forschungsexperiment wurden zwei Gruppen verglichen, eine mit erfahrenden Meditierenden und eine mit Probanden, die nur wenig Erfahrung im Bereich der Meditation hatten. Je erfahrender die Meditierenden waren, desto intensiver war die Aktivität in der Inselrinde. Die Intensität war bei allen Erfahrenen wesentlich höher als bei der Gruppe der Unerfahrenen.

Um dieses Experiment durchzuführen, legten sich die Probanden auf ein MRT-Gerät, mit dem die Gehirnaktivität aufgezeichnet wurde. Nun bekamen sie bestimmte Geräusche zu hören, wie zum Beispiel das Lachen eines Babys oder die Schreie einer anderen Person. Dabei wurde festgestellt, dass erfahrene Meditierende ein größeres Einfühlungsvermögen haben, da ihre Inselrinde auf die Geräusche intensiver reagierte.

Die Stanford University in den USA verfügt über ein ganzes Forschungsinstitut, das sich mit Empathie und Altruismus befasst. Der Neuroökonom Brian Knutson studierte das Gehirn einiger buddhistischer Mönche, um die Reaktion des Nucleus accumbens zu messen. Dieser Teil des Gehirns ist für Risiko und Belohnung zuständig. Bei Belohnung entwickelt unser Gehirn Glücksgefühle durch die Ausschüttung des Neurotransmitters Serotonin, wodurch wir lernen, bestimmte Dinge zu tun und andere zu lassen.

Als die Mönche über bedingungslose Liebe, Güte und Mitgefühl meditierten, erzeugten ihre Gehirne Gammawellen mit einer Schwingung von ungefähr 40 Zyklen pro Sekunde, die ein Hinweis auf eine sehr hohe Aufmerksamkeit sind und mit Hilfe eines EEG leicht messbar waren.

Neuronale Plastizität

Wie ist es möglich, dass Meditation Prozesse im Gehirn verändert? Die Antwort lautet Neuronale Plastizität. Grundsätzlich beruht die neuronale Plastizität des Gehirns auf der Tatsache, dass durch die intensive Verwendung bestimmter neuronaler Schaltkreise diese verstärkt werden, was ihre zukünftige Aktivierung erleichtert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass durch die verlängerte Nutzung eines neuronalen Schaltkreises neue neuronale Verbindungen hergestellt werden, während bestehende gestärkt werden. Neuronale Verbindungen, die wenig benutzt werden können gleichermaßen geschwächt werden.

Die Meditation ist also eine nachweislich effektive Methode, um bewusst das Gehirn zu trainieren, um alte Gewohnheiten abzulegen und neue zu erlernen, negative Gefühle zu verringern und positive zu stärken. So haben erfahrende Meditierende Kontrolle über ihr Gehirn und nicht andersherum. Sie sind nicht die Opfer der Situationen und Ereignisse in ihrer Umwelt oder einst erlernter Gedankenmuster aus der Vergangenheit, sondern können eine innere Haltung einnehmen, die sich im Hier und Jetzt am besten anfühlt und das eigene Leben somit bewusst gestalten. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen meditieren!

Miriam Fischer
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