Leben und Wirken des Dalai Lama

von Miriam Fischer Juli 13, 2019 6 Minuten Lesezeit

dalai lama - meinbuddha

Leben und Wirken des Dalai Lama 

Wir leben nicht, um zu glauben, sondern um zu lernen.“ (Dalai Lama) 

Am 6. Juli 1935 wurde der Sohn einer Bauernfamilie mit dem Namen Lhamo Dhondup, der später als seine Heiligkeit des 14. Dalai Lamas in die Geschichte eingehen würde, in dem kleinen Dorf Taktser in der Provinz Amdo im Nordosten Tibets geboren. Als der Junge zwei Jahre alt war, wurde er als die Reinkarnation seiner Heiligkeit des 13. Dalai Lama, Thubten Gyatso, anerkannt und im Alter von vier offiziell zum 14. Dalai Lama erklärt. Auch wenn er das geistliche Oberhaupt Tibets ist, bezeichnet er sich selbst nach wie vor als einen einfachen buddhistischen Mönch. 

In Tibet sind die Dalai Lamas jeweils Erscheinungen von Chenrezig oder Avalokiteshvara. Dieser ist der Bodhisattwa des universellen Mitgefühls sowie Schutzpatron von Tibet. Bodhisattwas sind erleuchtete Wesen, die sich dazu entschieden haben, auf der Erde wiedergeboren zu werden, um dem Wohle der Menschheit zu dienen, indem sie noch zu Lebzeiten das Leid der irdischen Existenz überwinden und die Buddhaschaft erlangen. 

Mönchsausbildung in Tibet 

Wissen und nichts tun ist wie nicht wissen.“ (Dalai Lama) 

Bereits im Alter von sechs Jahren begann die Mönchsausbildung des jungen Dalai Lamas. Nun erhielt er auch seinen religiösen Namen: Tenzin Gyatso, die Abkürzung von Jetsun Jamphel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso. Zwar zählten zu seinen Hauptfächern die schönen Künste, Logik, Grammatik des Sanskrits sowie Medizin. Doch der Fokus seiner Ausbildung lag auf der buddhistischen Philosophie. 

Im Alter von 23 Jahren bestand der Dalai Lama im Jahr 1959 schließlich im Zuge des jährlichen Großen Gebetsfestes im Jokhang-Tempel in Lhasa seine Abschlussprüfung mit Auszeichnung. Daraufhin wurde ihm der Grad eines Geshe Lharampa verliehen, welcher dem höchsten Doktortitel in buddhistischer Philosophie entspricht. 

Politische Führungsverantwortung 

Die schwierigste Zeit in unserem Leben ist die beste Gelegenheit, innere Stärke zu entwickeln.“ (Dalai Lama) 

Im Jahr 1950 marschierten die Chinesen in Tibet ein. Nun musste das geistliche Oberhaupt des Landes die volle politische Macht übernehmen. Der Dalai Lama war damals erst 15 Jahre alt. Seine Treffen mit chinesischen Politikern blieben weitgehend erfolglos. Nachdem chinesische Truppen den tibetischen Volksaufstand in Lhasa 1959 gewaltsam und brutal unterdrückt hatten, musste Seine Heiligkeit des Dalai Lama fliehen. Seither lebt er im Exil in Dharamsala im Norden Indiens. 

Aus dem Exil wandte sich die Tibetische Zentralverwaltung, die vom Dalai Lama angeführt wird, an die Vereinten Nationen. Die UN-Vollversammlung verabschiedete daraufhin drei Tibet-Resolutionen – 1959, 1961 sowie 1965. 

Friedensinitiativen des Dalai Lama 

Am Ende werden menschliche Entschlossenheit und Wahrheit über Gewalt und Unterdrückung siegen.“ (Dalai Lama) 

1987 hielt Seine Heiligkeit des Dalai Lama eine Rede vor den Mitgliedern des Kongresses der USA in Washington, DC. In seiner Ansprache stellte er einen Fünf-Punkte-Friedensplan für Tibet vor. Dieser war als ein erster Schritt zur friedlichen Beilegung der Situation in Tibet gedacht, die sich zunehmend verschlechterte. Die fünf Punkte dieses Friedensplans lauteten wie folgt: 

  1. Ganz Tibet in eine Zone des Friedens umwandeln, 2. Die chinesische Politik des Bevölkerungstransfers beenden, welche eine Bedrohung für die Existenz der Tibeter als Volk darstellt, 3. Die fundamentalen Menschenrechte und demokratischen Freiheiten des Volkes Tibets anerkennen und achten, 4. Die Natur und Umwelt Tibets sowohl schützen als auch wiederherstellen und China verbieten, Tibet sowohl für die Produktion von Nuklearwaffen als auch für Deponien von nuklearem Abfall zu nutzen. 5. Ernsthafte Verhandlungen über den zukünftigen Status der Nation Tibets sowie über die Beziehungen zwischen den Völkern Tibets und Chinas. 

1988 hielt der Dalai Lama eine Rede vor den Mitgliedern des Europaparlaments in Straßburg. Er nutzte die Gelegenheit, um den letzten Punkt des Fünf-Punkte-Friedensplans im Detail vorzulegen. Durch Gespräche zwischen Chinesen und Tibetern erhoffte er, den Zusammenschluss der drei tibetischen Provinzen zu bewirken, welche eine selbstregierte Demokratie bilden sollten. Gleichzeitig wäre dieser Zusammenschluss mit der Volksrepublik China verbunden. Die chinesische Regierung hätte weiterhin die Kontrolle über die Außenpolitik sowie die militärische Verteidigung Tibets. 

Internationale Anerkennung 

Das Leben aller Lebewesen, seien sie nun Menschen, Tiere oder andere, ist kostbar, und alle haben dasselbe Recht, glücklich zu sein. Alles, was unseren Planeten bevölkert, die Vögel und die wilden Tiere sind unsere Gefährten. Sie sind Teil unserer Welt, wir teilen sie mit ihnen.“ (Dalai Lama) 

Seine Heiligkeit des 14. Dalai Lama hat sein ganzes Leben dem Frieden gewidmet. Für seinen gewaltfreien Kampf im Namen der Befreiung der Nation Tibets wurde er 1989 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Obwohl er sich und sein Volk oft äußerster Aggression ausgesetzt sah, sprach er sich immer für eine Politik der Gewaltlosigkeit aus. Darüber hinaus war er der erste Nobelpreisträger, welcher für seine Sorge um weltweite Umweltprobleme ausgezeichnet wurde. 

Seine Heiligkeit ist sehr viel unterwegs. Während seiner Reisen hat er über 67 Länder auf allen sechs Kontinenten besucht. Aufgrund seiner Botschaft von Gewaltlosigkeit und Frieden, interreligiösem Dialog, universeller Verantwortung und Mitgefühl hat der Dalai Lama mehr als 150 Auszeichnungen, Ehrendoktorwürdigungen und Preise erhalten. Außerdem hat er über 110 Bücher geschrieben und mitverfasst. 

Im Laufe der Jahre hat Seine Heiligkeit zahlreiche Gespräche mit führenden Vertretern unterschiedlicher Religionen geführt sowie an unzähligen Veranstaltungen zur Förderung interreligiöser Kommunikation und Harmonie teilgenommen. 

Schon seit den 1980er Jahren tauscht der Dalai Lama sich mit modernen Wissenschaftlern aus, insbesondere in den Bereichen der Quantenphysik und Kosmologie sowie der Psychologie und Neurowissenschaft. Dies hat dazu geführt, dass buddhistische Mönche und international renommierte Wissenschaftler zusammenarbeiten, um Erkenntnisse und Methoden herauszuarbeiten, die Menschen zu ihrem inneren Frieden verhelfen. Diese Kooperationen haben außerdem bewirkt, dass in den im tibetischen Exil errichteten Klosterschulen moderne Wissenschaft dem traditionellen Studienplan hinzugefügt wurde. 

Der politische Rückzug des Dalai Lama 

Lebe ein gutes, ehrbares Leben! Wenn du älter bist und zurückdenkst, wirst du es noch einmal genießen können.“ (Dalai Lama) 

Im Frühjahr 2011 wandte sich Seine Heiligkeit mit einer schriftlichen Bitte an das tibetische Parlament im Exil: Er bat darum, von seiner weltlichen Macht entbunden zu werden. Er erklärte die seit dem fünften Dalai Lama bestehende Tradition, nach der die Dalai Lamas in Tibet sowohl die geistliche als auch die weltliche Macht ausübten für beendet. Außerdem verkündete er seine Absicht, den Status der ersten vier Dalai Lamas wiederaufzunehmen. Diese hatten sich ausschließlich mit geistlichen Belangnissen auseinandergesetzt. Von nun an würde die demokratisch gewählte Führung des Landes die gesamte politische Verantwortung für Tibet übernehmen. 

Im Mai 2011 unterzeichnete der 14. Dalai Lama das Dokument, mit dem er seine weltliche Macht offiziell an die demokratisch gewählte Regierung der Nation Tibet abgab. Nach 368 Jahren wurde somit die Tradition beendet, nach welcher ein Dalai Lama nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche Oberhaupt Tibets war. 

Zukunft der Tradition der Dalai Lamas 

Öffne der Veränderung deine Arme, aber verliere dabei deine Werte nicht aus den Augen.“ (Dalai Lama) 

Die Wiedergeburt eines Dalai Lama kann aus dem gesamten tibetischen Volk kommen. Dies ist bereits seit dem zweiten Dalai Lama die Tradition Tibets. Für die Auffindung des Avalokiteshvara, des nächsten Dalai Lama, werden bestimmte Zeichen und Hinweise herangezogen, welche jeweils der amtierende Dalai Lama hinterlässt. Eines der Zeichen, das zur Auffindung des aktuellen Dalai Lama geführt haben soll, sei, so sagt man, eine Vision von einem „Haus mit blauem Dach“ gewesen. Ein weiterer Hinweis für eine gültige Reinkarnation des Cherenzig ist es angeblich, wenn ein Amtsanwärter, normalerweise ein Kleinkind, 

Angehörige des Dalai Lama spontan wiedererkennt ohne sie je zuvor gesehen zu haben, oder aus einer Reihe von ähnlichen Gegenständen jene identifizieren kann, die dem aktuellen Dalai Lama gehören. 

Aufgrund fehlender Richtlinien besteht ein großes Risiko, dass bestimmte Parteien die Situation zu eigensüchtigen politischen Zwecken ausnutzen könnten, wenn die Völker Tibets, der Mongolei sowie des Himalayas den Wunsch zum Ausdruck bringen würden, einen Nachfolger des 14. Dalai Lama zu ernennen. Aus diesem Grund wurden 2011 eindeutige Richtlinien für die Anerkennung des künftigen Dalai Lama verkündigt, die keinerlei Raum für Zweifel oder gar Täuschungsversuche ließen. 

Im Alter von ungefähr neunzig Jahren will der Dalai Lama sich mit führenden Lamas der tibetisch-buddhistischen Traditionen sowie mit der tibetischen Öffentlichkeit und anderen Personen, die Interesse am tibetischen Buddhismus haben, beraten und anschließend abschätzen, ob die Institution und Tradition des Dalai Lama nach ihm eine Fortsetzung haben soll. 

Seine Heiligkeit wird klare schriftliche Anweisungen hinterlassen, in denen festgelegt wird, wie die Wahl und Ernennung seines potenziellen Nachfolgers ablaufen soll. In seiner Erklärung aus dem Jahr 2011 formulierte er außerdem eine ausdrückliche Warnung, dass ausschließlich eine Reinkarnation Gültigkeit besitze, die durch rechtmäßige Methoden anerkannt sei und dass kein Anwärter, welcher, egal von wem, aus politischen Motiven ausgewählt wurde, akzeptiert oder gar anerkannt werden solle. 

 

Miriam Fischer
Miriam Fischer


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