10 Zen-Geschichten zum Aufwachen

von Miriam Fischer Mai 31, 2019 6 Minuten Lesezeit 2 Kommentare

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10 Zen-Geschichten zum Aufwachen

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen“(Jorge Bucay)

Im Zen-Buddhismus gibt es eine ganz besondere Art von Kurzgeschichten, welche die Zen-Meister ihren Schülern erzählen – die sogenannten Koans. Die Zen-Meister lehren ihre Schüler dadurch Weisheiten, über welche sie dann meditieren, um ihren tieferen Sinn zu verstehen. Schauen wir uns einmal zehn Zen-Geschichten an, die von buddhistischen Zen-Meistern verfasst wurden und tiefsinnige Erkenntnisse sowie Lebensweisheiten vermitteln.

  1. Eine angespannte Situation (Anonym)

Eines Tages begegnete ein Mann auf seinem Weg durch den Dschungel einem wilden Tiger. Er rannte schnell davon, erreichte aber bald eine Klippe. In seiner Verzweiflung, dem Tiger zu entkommen, kletterte er auf einen Weinstock und baumelte schließlich über den tödlichen Abgrund. Während er dort hing, schlüpften zwei Mäuse aus einem Loch in der Felswand und begannen an der Rebe zu nagen. Plötzlich sah er ein paar Trauben am Rebstock. Er pflückte sie und steckte sie sich in seinen Mund. Sie waren unglaublich lecker!

  1. Der General und sein Relikt (Anonym)

Es war einmal ein General, der gerade zu Hause seine kostbare Antiquitätensammlung bewunderte, als ihm beinahe eine schöne Vase aus der Hand glitt und er erschrak. Er dachte: „Ich habe Tausende von Soldaten geführt, verschiedene Situationen des Lebens und den Tod vor Augen gehabt und nie hatte ich es mit der Angst zu tun. Und nun jagt mir der mögliche Verlust dieser Vase einen solchen Schreck ein?“

Schließlich erkannte er, dass die Ursache für seine Angst in seinem Kopf war, und zwar seine Anhaftung sowie Verlustangst. Daraufhin warf er das wertvolle Gefäß einfach auf den Boden und es zerbrach.

  1. Die Teezeremonie (Anonym)

Eines Tages veranstaltete der Meister Rikyu eine Teezeremonie und Hideyoshi, der Kampaku, der zu jener Zeit das Land regierte, machte die folgende Bemerkung zu seinen Generälen: „Beobachtet genau, wie Rikyu Tee zubereitet und seht, dass sein Körper voller Qi (Lebensenergie) ist, dass seine präzisen und geschmeidigen Gesten wie die eines großen Kriegers sind, sie bieten keinerlei Angriffsfläche. Seine Konzentration ist perfekt."

Da kam Kato Kiyomasa, ein berühmter General, auf eine Idee. Um zu prüfen, ob die Beobachtungen des Kampaku so genau waren, wie er behauptete, entschied er, Rikyu, sobald er eine Konzentrationslücke finden würde, mit seinem Fächer zu berühren.

Also fing er an, Rikyu zu beobachten, der direkt neben ihm war. Nach ein paar Minuten, als der General dachte, einen Fehler zu erkennen, berührte er ihn mit seinem Fächer. Im selben Moment sah der Teemeister ihm direkt in die Augen und lächelte.

  1. Der wütende Mönch (Anonym)

Zwei Zen-Mönche wollten gerade einen Fluss überqueren, als sie auf eine sehr junge und schöne Frau trafen, die den Fluss ebenfalls überqueren wollte, aber Angst vor dem Wasser hatte. Einer der beiden Mönche nahm sie kurzerhand auf seine Schultern und trug sie ans andere Ufer. Der andere Mönch war wütend. Er sagte nichts, aber innerlich schäumte er über vor Wut. Einem buddhistischen

Mönch war es verboten, eine Frau zu berühren und dieser Mönch hatte sie nicht nur berührt, sondern hatte sie sich über seine Schultern gelegt. Schweigend gingen sie ihres Weges. Als sie im Kloster ankamen wandte sich der wütende Mönch schließlich an den anderen und fauchte: „Ich werde das unserem Meister melden. Ich werde darüber berichten müssen. Das ist verboten!"

„Wovon redest du? Was ist verboten?“, sagte der andere Mönch überrascht.

„Hast du vergessen? Du hast diese schöne Frau auf deine Schultern genommen", empörte sich der wütende Mönch.

Der andere Mönch lachte und sagte dann: „Ja, ich habe sie getragen. Aber ich ließ sie am Fluss zurück. Du trägst sie noch immer mit dir herum."

  1. Der Samurai und die drei Katzen – Taisen Deshimaru (1914-1982)

Ein Samurai plagte sich mit einer Maus, die beschlossen hatte, sein Zimmer zu teilen. Es wurde ihm geraten, sich eine Katze zuzulegen. Er suchte in der Nachbarschaft und fand schließlich eine. Es war eine beeindruckende Katze, wunderschön und stark. Aber die Maus war klüger als die Katze und verspottete sie nur. Der Samurai adoptierte eine weitere sehr geschickte Katze. Die Maus wurde misstrauisch und erschien nur noch, wenn die Katze schlief.

Dann wurde dem Samurai eine Katze aus einem Zen-Tempel gebracht. Sie wirkte unaufmerksam, träge und schläfrig. Der Samurai dachte: „Diese Katze wird mich bestimmt nicht von der Maus befreien.“

Die Katze lag schläfrig und gleichgültig im Zimmer und ignorierte die Maus. Die Maus gewöhnte sich an den Zustand und wurde unvorsichtiger. Unachtsam ging sie an der Katze vorbei ohne sich in Gefahr zu wägen. Und eines Tages wurde sie plötzlich von einer Klaue erwischt.

  1. Das Ziel (Anonym)

Während einer Schlacht entschied sich ein japanischer General, selbst dann anzugreifen, wenn seine Armee zahlenmäßig sehr unterlegen wäre. Er war zuversichtlich, dass er gewinnen würde, aber seine Männer waren voller Zweifel. Auf dem Weg zum Kampf hielten sie an einer Kapelle an. Nachdem er mit seinen Männern gebetet hatte, nahm der General eine Münze heraus und sagte: „Jetzt werde ich diese Münze werfen. Kopf bedeutet, wir werden gewinnen, Zahl heißt wir verlieren. Möge das Schicksal entscheiden.“

Er warf die Münze in die Luft und alle sahen gespannt zu, wie sie landete. Kopf! Die Soldaten waren so glücklich und zuversichtlich, dass sie den Feind energisch angriffen und siegten. Nach dem Kampf sagte ein Soldat zum General: „Niemand kann das Schicksal ändern.“. „Das stimmt“, sagte der General und zeigte ihm die Münze, die auf beiden Seiten einen Kopf hatte.

  1. Der umgekippte Wasserkrug oder nutzlose Weisheit dieser Welt – Mumon Ekai (1183-

1260)

Hyakujo rief seine Mönche zusammen, weil er einem von ihnen die Verantwortung für ihr neues Kloster übertragen wollte. Er stellte ein Glas voll Wasser auf den Boden und fragte: „Wer kann sagen, was das ist, ohne es beim Namen zu nennen?“

Einer der Mönche sagte: „Man kann nicht sagen, es handle sich um einen Pantoffel“. „Es ist kein Weiher, denn es kann transportiert werden“, sagte ein anderer Mönch.

Isan, ein Mönch und Koch des Klosters, kam vorbei, stieß den Krug um und ging weiter.

Hyakujo lächelte und sagte: „Der Koch wird der Meister des neuen Klosters sein.“

  1. Die Satori – Taisen Deshimaru (1914-1982)

Ein Holzfäller hackte Holz im Wald. Er hatte von einem fabelhaften Tier gehört, das Tier „Satori“. Seither war es sein sehnlichster Wunsch, eines zu besitzen. Eines Tages sah er ein „Satori“ im Wald vorbeihuschen. Der Holzfäller lief ihm nach und war nicht überrascht, als er eine Stimme hörte, die sagte: „Du wirst mich nicht besitzen, weil du mich gerne haben würdest.“

Der Holzfäller kehrte zu seiner Arbeit zurück. Er hatte den Vorfall längst vergessen als das Tier „Satori“ eines Tages in einem unerwarteten Moment auftauchte, als der Holzfäller in seine Arbeit vertieft Holz hackte. Und das Tier fiel direkt vor ihm nieder.

  1. Der Mond kann nicht gestohlen werden – Anonym

Der Zen-Meister Ryokan lebte ein sehr einfaches Leben in einer kleinen Hütte am Fuße eines Berges. Eines Abends brach ein Dieb in die Hütte ein, nur um festzustellen, dass es dort nichts gab, was er hätte stehlen können.

Ryokan kehrte just in dem Moment in sein Zuhause zurück und hielt ihn auf. „Wahrscheinlich sind Sie von weit her gekommen, um mich zu besuchen", sagte er zum Einbrecher, „und Sie sollten nicht mit leeren Händen zurückkehren. Bitte nehmen Sie meine Kleidung als Geschenk. "

Der Dieb war sichtlich verwirrt. Er nahm die Kleider und schlich sich schnell davon.

Ryokan saß nackt vor seiner Hütte und beobachtete den Mond. „So ein armer Kerl", dachte er, „ich wünschte, ich könnte ihm diesen schönen Mond geben."

  1. Wahrer Reichtum (Anonym)

Ein sehr reicher Mann fragte einmal den Mönch Sengai, ob er nicht etwas für den weiteren Wohlstand seiner Familie niederschreiben könnte, so dass es sein Vermögen von Generation zu Generation fortbestehen könnte.

Sengai nahm ein langes Blatt Reispapier und schrieb: „Vater stirbt, Sohn stirbt, Enkel stirbt.“

Der reiche Mann war beleidigt und empört: „Ich bat Sie, etwas für das Glück meiner Familie zu schreiben. Warum erlauben Sie sich einen solchen Scherz?“.

Sengai antwortete in ruhigem Tonfall: „Das war kein Scherz. Wenn Ihr Sohn vor Ihnen sterben würde, dann würde Sie das sehr verletzen. Wenn Ihr Enkel noch vor Ihnen und Ihrem Sohn sterben würde, dann wären Sie beide am Boden zerstört. Doch wenn in Ihrer Familie Generation um Generation jeder in der Reihenfolge stirbt, wie ich es aufgeschrieben habe, ist das der natürliche Lauf des Lebens. Das nenne ich wahren Reichtum.“

Zen-Geschichten sind Geschichten zum Aufwachen! In der Meditation über die Inhalte dieser oftmals rätselhaften Anekdoten liegt der Schlüssel zu einem höheren Bewusstseinszustand. Koans sind oft nicht rational erklärbar. Dadurch ermöglichen diese Kurzgeschichten es, über die Oberflächlichkeit der Welt hinaus zu sehen und die tiefere Wahrheit zu erkennen, die sich hinter dem Schleier der Illusion verbirgt.

Miriam Fischer
Miriam Fischer


2 Antworten

Gertrude Truber
Gertrude Truber

Juni 09, 2019

Tiefgründige Erzählungen voller Wahrheit und Lebensweisheit
Wunderschöne Worte

Susanne Maier
Susanne Maier

Juni 08, 2019

Ich liebe den Autor und diese Art der Erzählungen, vielen lieben Dank.

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